B. Henningsen u.a. (Hrsg.): GRENZ\RAUM. GRÆNSE\REGION

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Titel
GRENZ\RAUM. GRÆNSE\REGION. Dänisch-deutsche Geschichte(n), 1920–2020 / Tysk-danske historie(r), 1920–2020


Herausgeber
Henningsen, Bernd; Räthel, Clemens; Greiner, Paul
Erschienen
Baden-Baden 2022: Rombach
Anzahl Seiten
252 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frederic Zangel, Abteilung für Regionalgeschichte, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der 1920 auf Grundlage des Versailler Vertrags durchgeführten Abstimmung über die Grenzziehung zwischen Deutschland und Dänemark wurde in Flensburg an mehreren Standorten eine Ausstellung konzipiert, deren Eröffnung für den 14. März 2020 vorgesehen war. Die Schließung sämtlicher Museen sowie der deutsch-dänischen Grenze im Zuge des Corona-Lockdowns am selben Tag führte indes dazu, dass die Ausstellung „Perspektivwechsel 2020 – 100 Jahre Grenzgeschichte“1 letztlich „pandemiebedingt nur von wenigen besucht werden konnte“ (S. 13). Bernd Henningsen, einer der Herausgeber des rezensierten Bandes, formuliert im Vorwort das große Ziel, diese durch die vorliegende Publikation „weiterleben [zu] lassen“ (ebd.).

In den Grußworten des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, der Oberbürgermeisterin von Flensburg sowie der Botschafterin des Reiches Dänemark wird die neue deutsch-dänische Freundschaftserklärung 20212 ebenso thematisiert wie die „deutlichen Reaktionen auf die zwischenzeitlichen Einschränkungen im Grenzverkehr“ (S. 9). Diese drei Vorworte bilden gemeinsam das erste Kapitel des zweisprachig auf Dänisch und Deutsch erschienenen Bandes. Im Ganzen ist das Buch in insgesamt dreizehn Abschnitte untergliedert, von denen einige wiederum in Unterkapitel unterteilt sind. Es ist reich bebildert und hinsichtlich des gefälligen Layouts an die Ausstellung angelehnt. Den Weg von der politischen Idee bis hin zur Realisierung des Projektes schildert Michael Fuhr, der Direktor der Städtischen Museen Flensburg. Er betont, dass die Anfänge des Vorhabens bis 2015 zurückreichen und die Ausstellung dabei nur eine, wenn auch zweifelsohne die tragende Säule innerhalb eines größeren Konzeptes war. So bestand mittels einer App („Flensburger Erzählorte“) sowie über eine Website die Möglichkeit zum interaktiven Austausch.

Wie die Ausstellungskuratorin Nina Holsten darlegt, war ein solcher Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern für die Konzeption der Ausstellung von zentraler Bedeutung – ging es doch nicht allein darum, neue Perspektiven auf das Thema zu bieten, sondern ebenso solche zu gewinnen. Holsten stellt das grundlegende Ausstellungskonzept mit den fünf Räumen „Grenze“, „Identität“, „Flensburg“, „Transit“ und „Zukunft“ vor. Neben dem Hans-Christian-Andersen-Haus wurden weitere Orte in Flensburg als „Satelliten“ mit der Ausstellung verknüpft – so das Schifffahrtsmuseum und die Dänische Zentralbibliothek für Südschleswig. Die zahlreichen Perspektiven der Besucherinnen und Besucher auf das Ausstellungsthema werden von Simone Wörner vorgestellt, wobei manche der Pappteller abgedruckt sind, auf denen die Gäste durch die Beantwortung der Frage „Was macht dich aus?“ eigene Gedanken festhalten konnten (S. 35).

Mit „Grenzfragen“ beschäftigt sich die Dresdener Humangeographin Judith Miggelbrink, die auf die nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie bedingte Aktualität von Grenzen auch innerhalb des Schengenraums verweist und zu dem Schluss kommt, dass „Souveränität nach wie vor eine starke territoriale Komponente“ habe (S. 55). Einen Überblick der historischen Ereignisse bis 1920 liefert Ralph Tuchtenhagen, der – anders als die Jahresangaben im Titel vermuten lassen – die Entwicklung von der Frühen Neuzeit bis zum Verlust Norwegens 1814 und anschließend unter anderem die Schleswig-Holsteinische Erhebung 1848, den Deutsch-Dänischen Krieg 1864, den Ersten Weltkrieg sowie deren Folgen für das Grenzgebiet mit knappen Strichen skizziert.

Die eigentliche Volksabstimmung ist in zwei Beiträgen besonders in den Fokus gerückt: Jens E. Olesen stellt jene politischen Gruppierungen vor, die für die Grenzziehung unterschiedliche Lösungsvorstellungen hatten, und skizziert den Aushandlungsprozess über das genaue Prozedere der Abstimmung, vor allem die konkrete Ziehung der Grenzen der Abstimmungszonen. Einem kurzen Überblick der Auseinandersetzungen im Vorfeld der Abstimmung (etwa zum „Flaggenkrieg“, S. 94) folgt eine Darlegung der Abstimmungsergebnisse, deren Folgen für die dänische Politik ebenfalls in den Blick genommen werden. Abschließend stellt Olesen die Bedeutung des Selbstbestimmungsrechts der Völker für die friedliche Lösung der Grenzfrage heraus. Caroline E. Weber von der Universität Sonderburg nutzt für ihren Beitrag die Abstimmungsplakate von 1920 als besondere Bildquelle. Auf den beiden vermutlich bekanntesten im Wahlkampf eingesetzten Aushängen sind Kinder zu sehen, was offenbar die nun ebenfalls wahlberechtigten Frauen ansprechen und damit als Wählerinnen erschließen sollte. Weber schlägt den Bogen zu den „Grenzwirklichkeiten im 21. Jahrhundert“ und führt aus, dass gerade die „coronabedingten Grenzschließungen“ 2020 die Notwendigkeit gezeigt hätten, sich für offene Grenzen einzusetzen.

Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive nähert sich Paul R. Greiner dem Thema, indem er Sprachkarten hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Grenzziehung untersucht sowie die Relevanz von Karten im Allgemeinen und insbesondere von ethnographischen Karten für die Verhandlungen auf der Pariser Friedenskonferenz hervorhebt. Sprache habe man damals als „authentischen Ausdruck von Nationalität“ (S. 129f.) verstanden, was nicht zuletzt in den beschreibenden Texten zu den gedruckten Sprachkarten deutlich werde.

Der thematische Abschnitt zu den „Satelliten“, also den Außenstellen der Ausstellung, setzt sich aus zwei Beiträgen zusammen. Mogens Rostgaard Nissen von der Dänischen Zentralbibliothek für Südschleswig weist auf die unterschiedliche Rezeption der Abstimmung von 1920 hin – einerseits in Dänemark selbst und andererseits in den nach der Abstimmung bei Deutschland verbliebenen Gebieten. Die ersten Jahre nach der Abstimmung seien von Repressalien geprägt gewesen, die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen von der zunehmenden Integration der jeweiligen Minderheit in die entsprechende Mehrheitsgesellschaft. Susanne Grigull vom Flensburger Schifffahrtsmuseum stellt die Geschichte der Grenze in der Flensburger Förde dar und verweist auf die zeitweilig erheblichen Einschränkungen für den Schiffsverkehr. Mit der Grenzziehung im Wasser stünden verschiedene Fragen in einem Zusammenhang, so etwa nach den Fischereirechten, aber vorübergehend auch bezüglich der verschiedenen Ausweichregeln. Nicht zuletzt seien hinsichtlich der Frage der Seebestattung recht unterschiedliche Vorschriften zu konstatieren, vor allem, was den darin festgelegten Abstand zum Ufer anbelangt.

Im Kapitel „Grenzstadt“ werden zunächst mithilfe von Bildern wichtige Ereignisse in der Geschichte Flensburgs sowie seiner Umgebung und anschließend „Gebäude als Träger kultureller Identität“ (ab S. 188) innerhalb der Stadt bildlich dargestellt – darunter die Dänische Zentralbibliothek für Südschleswig, aber ebenso das Kraftfahrtbundesamt. Das bewährte Konzept des hier rezensierten Bandes, neben Fotos der Exponate einen kurzen erläuternden Beitrag einer Expertin oder eines Experten mit aufzunehmen, wird an dieser Stelle durchbrochen.

Claudia Knauer stellt die Region Südjütland aus unterschiedlichen Perspektiven als Transitregion in den Fokus – so als Durchreisestation im touristischen Kontext. Sie verweist ebenso auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Abstimmung von 1920 in der ersten und zweiten Abstimmungszone, hält aber am Ende fest, dass die Region „nur für diejenigen, die eben durchreisen“, eine Transitregion sei, für die dort Ansässigen hingegen „Heimat“ (S. 202) bedeute.

Mit den Zukunftsaussichten sowie mit der Frage des Modelcharakters der deutsch-dänischen Grenzregion beschäftigt sich Steen Bo Frandsen im letzten Themenbeitrag. Frandsen betont einerseits die Bedeutung der „Welt außerhalb des Grenzlands“ für die dortige Entwicklung, verweist aber andererseits hinsichtlich des Verhältnisses der Nachbarn auf „das gegenseitige Desinteresse“, welches „sogar größer geworden“ sei (S. 229). Seit dem Aufkommen des Nationalismus sei die Perspektive auf die Grenzregion häufig eine Perspektive aus dem Zentrum des jeweiligen Landes auf einen Raum gewesen, den man als „Projektionsfläche für Projekte und Ideen“ (S. 231) genutzt habe. Mit dem Appell, „den Fokus auf die Menschen der Grenzregion zu richten und sie selbst bestimmen zu lassen, worum es bei der Grenze gehen soll“ (ebd.), endet der darstellende Teil des Werks.

Abgerundet wird die Publikation durch einen Anhang mit einer Zeitleiste, einem Verzeichnis der Herausgeber, der Autorinnen und Autoren sowie einer kurzen Literaturliste. Mit den verständlich geschriebenen und informativen Beiträgen führt der Band allgemein in das Themenfeld Grenze und Grenzraum ein und verortet den eigenen deutsch-dänischen (Grenz-)Raum innerhalb dieses Themenfeldes. Mit zahlreichen farbigen Abbildungen von Ausstellungsräumen und Exponaten gelingt es zudem, einen guten Eindruck von der Ausstellung zu vermitteln. Wenige Flüchtigkeitsfehler stehen diesem positiven Gesamteindruck nicht entgegen.

Anmerkungen:
1 Weitere Einblicke in die Ausstellung im Flensburger Schifffahrtsmuseum gewähren ein virtueller Rundgang unter https://my.matterport.com/show/?m=7gSmBJ5w1P3 (15.12.2023) sowie ein Video der Finissage vom 14. März 2021 unter https://www.fl2020.de/finissage/ (15.12.2023).
2 Vgl. Deutsch-Dänische Freundschaftserklärung, in: Auswärtiges Amt, 16.03.2021, https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/deu-dnk-freundschaftserklaerung/2448016 (15.12.2023).